Bayern will einem Stockholmer Verleger untersagen, Hitlers ”Mein Kampf” herauszugeben. Heftige Proteste in Schweden war das Resultat, mit grosse Empörung unter schwedische Schriftsteller, Buchverleger und Juristen . Diese Seiten für deutschsprachige sind teil der hier oben angegebene (übers.) "Zeitschrift für die Grundrechte des Volkes", die von den "FiB–Juristen" in Schweden herausgegeben wird.

Kampf gegen Nazismus ohne Kenntnis seiner Quellen?

Wie kann man auf die Idee kommen, 50 Jahre nach dem Ende des Dritten Reiches Hitlers ”Mein Kampf” wieder herauszugeben? In Schweden hat das der Verlagsbuchhändler Karl Hägglund getan. Protest dagegen hat das deutsche Bundesland Bayern eingelegt und behauptet, seit der Konfiszierung von Hitlers Eigentum 1945 die Urheberrechte zu besitzen. Gehorsame schwedische Behörden schickten daraufhin die Polizei, um bei Hägglund die Auflage zu beschlagnahmen. Das geschah in Dezember, an dem selben Tag, als der schwedische Reichstag der Mitgliedschaft inder Europäischen Union zustimmte.

Von IRKA CEDERBERG

Karl Hägglund führt seit ein paar Jahren einen kleinen Verlag in Stockholm. Der einzige ausländische Schriftsteller, den er zuvor herausgegeben hatte, war Diderot. Ansonsten erscheint in seinem Verlag diverse Literatur, von Popartisten bis zu dem Schriftsteller Jan Myrdal. Und jetzt also Adolf Hitler. Warum?

”Die zunehmende rassistische Bewegung in den letzten Jahren, in Schweden und anderswo, har mich erschreckt,” sagt Kalle Hägglund. ”Ich suchte die Quellen, aber fand nirgends Hitlers Hauptmanifest ’Mein Kampf’, sogar in den Bibliotheken nicht. Das ärgerte mich sehr. Wenn Nazismus wieder wächst, muss man doch Zugang zu den Quellen haben. Wie kann man die nationalsozialistischen Ideen bekämpfen, wenn man sie nicht kennt? Als ich dann endlich eine Ausgabe fand, entschloss ich mich, sie mit einem erklärenden Vorwort herauszugeben.
”Mein Kampf ist in Schweden nicht tabu. Es gibt hier also, im Unterschied zu Deutschland, keine Raubdrucke. Bereits dreimal war das Buch zuvor in Schweden erschienen: 1934, 1941 und 1970. Wer 1934 und 1941 die Tantiemen bekommen hat, ist nicht bekannt, aber nach der letzten Ausgabe 1970 soll sich eine Verwandte Hitlers gemeldet haben, angeblich um die Rechte einzufordern. Der damalige Verlag, Askild & Kärnekull, weigerte sich aber zu bezahlen. Allerdings versuchte aber damals niemand – auch deutsche Behörden nicht – die Herausgabe zu verhindern.

Deutschhörig wie in den 30er Jahren?

Die Taschenbuchauflage von 10 000 Exemplaren, die jetzt gegenstand der Auseinandersetzungen ist, erschien schon vor zwei Jahren. Das Vorwort für die Ausgabe schrieb der Histsoriker Stig Jonasson. Auch er fragt: ”Wie soll man den nationalsozialismus bekämpfen können, wenn man keine Möglichkeit hat, ihn zu studieren?” Und weiter: ”Mein Kampf ist auch eine unerhört wichtige historische Quelle, weil Hitler hier merkwürdigerweise seine aggressiven Pläne entblösst, die er dann auch staunenswert durchsetzen versuchte.”
Die meisten Exemplare der Auflage sind bereits verkauft worden – bis auf die paar hundert, die schwedische Polizisten bei Hägglund fanden. Aktiv wurden die hiesigen Justizbehörden nach der Intervention eines Rechtsanwalts, der im Auftrag des Landes Bayern handelte. Sie beschlossen nicht nur, einer Prozess in dieser Sache zuzulassen, sondern auch; die Auflage zu beschlagnahmen. Hägglund legte dagegen Berufung ein. Auf seiner Seite hat er grosse Teile der Öffentlichkeit. Fast die gesamte Presse, der Schwedische Schriftstellerverband, der Schwedische Verlagsbuchhändlerverband, Juristen und viele anderen haben heftig protestiert.
”Wie ist es möglich, dass die Urheberrechte überhaupt an einen Staat übergehen können, einen Staat, der dann damit über die Informationsfreiheit in einem anderen Staat entscheiden könnte”, fragt der Schwedishe Schriftstellerverband. Und: Soll Deutschland entscheiden, was für schwedische Bürger passende Literatur ist?

Es rieche nach den dreissiger Jahren, meinen andere, nach der Zeit, als schwedische Behörden allzu oft den deutschen Nazis gehorchten. ”Die Urheberrechte zu ’Mein kampf’ sollen nicht als konfisziert, sondern als erloschen betrachtet werden”, schreibt die Zeitung Dagens Nyheter. Und der Schriftsteller Jan Myrdal hat in einem offenen Brief an Ministerpräsident Ingvar Carlsson vorgeschlagen, dieser möge sich an der Angelegenheit für die schwedischen Interessen gegen Deutschland einsetzen.

Gegen die Beschlagnahme der Bücher protestierte auch der schwedische Verband der Buchverlage. Es sei zwar für Schriftsteller, deren Nachkommen und andere sehr bedeutsam, mit effektiven Massnahmen Beeinträchtigungen in den Urheberrechten zu verhindern, schreibt der Buchverlagsverband. Aber dass ein Staat die Urheberrechte eines Individuums benutzen kann, um Publikationen in anderen Ländern völlig zu stoppen, finde man ”merkwürdich und anstössig”, heisst es in der Erklärung des Verbandes.

Bücher zu beschlagnahmen, gilt in Schweden als höchst ungewöhnliche Massnahme. Der Respekt vor der Druckfreiheit ist hierzulande sehr gross, und die Redefreiheit hat eine historisch starke Stellung. Aber am bemerkenswertensten ist, so meinen viele, dass die schwedischen Behörden dem Land Bayern in dieser Frage offensichtlich ohne weiteres entgegenkommen sind.

Prozess um die Urheberrechte

Der Gerichtsprozess um die Urheberrechte an ”Mein Kampf” wird frühestens im März stattfinden. Gegen die Beschlagnahme hat Karl Hägglund schon in zwei Instanzen protestiert und sich jetzt an den schwedischen Landesgericht gewandt.

In Israel sind jetzt umfangreiche Auszüge aus ”Mein Kampf” auf Hebräisch erschienen. Der Übersetzer, der 76jährige Dani Jaron, ist selbst ein Überlebender des Holocaust. ”Es ist ein wichtiges historisches Dokument für das Verständnis des Holocaust, vor allem für die jüngere Generation,” sagte Jaron der israelischen Zeitung Jediot Acharonot.

Die Publikation in Israel legt dem schwedischen Landesgerichtshof eine Grosse Verantwortung auf, meint Erik Göthe, der juristische Verteidiger Hägglunds. Sollte Schweden jetzt die europäische Praxis verlassen und dem Land Bayern die Urheberrechte des Hitlerwerkes zugestehen, würden ernstliche Konsequenzen entstehen, betont der Jurist. Will Schweden eventuell dazu beitragen, dass das Hauptdokument fur den Holocaust gerade dem jüdischen Volk vorenthalten wird?

Anmerkung der Redaktion TfFR: Der Artikel wurde am 24.1.1995 in Neues Deutschland abgedruckt. Die unterdrückung von ”Mein Kampf” im Ausland und urheberrechtliche Klage gegen ausländische Buchverleger ist keine ganz neue Tradition der deutschen Obrigkeit: Mitte der 30er Jahren hat Hitler Klage gegen einen französischen Buchverleger erhebt wegen Abdruckung einer, nicht abgekürzten, Auflage. Hitlers ”Abkürzungen” haben u.a. die Abschnitte betroffen, wo er offen beschreibt sowohl die Ziele der deutschen Eroberungspolitik als auch Metoden, das Volk durch Propaganda zu beschwindeln. Adolf Hitler hat auch versucht, die erste ungekürzte amerikanische Auflage zu stoppen, die u.a. Albert Einstein, Pearl Buck, Eugene O’Neill und Thomas Mann, und protestantische, katolische und jüdische Kirchenmänner im Jahre 1939 besorgte.
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